Warum reden wir eigenlich?
Dämliche Frage? Nur auf den ersten Blick. Denn wenn du lernen willst, besser zu reden und zu sprechen, musst du wissen, weshalb du überhaupt sprichst. Nur wenn du etwas bewusst machst, kannst du es steuern, verändern, verbessern. Klar, einige Sprech-Gründe sind offensichtlich, andere sehr versteckt. Schauen wir uns zuerst zwei der offensichtlichen und mehr oder weniger bekannten Gründe an.
Natürlich reden wir, um anderen etwas mitzuteilen. Eine
Information, einen Gedanken; wir reagieren und antworten auf
das, was andere uns fragen. Wir brauchen den Austausch von
Informationen um zu überleben. Das war schon so, als unsere
Vorfahren noch in Höhlen lebten, und ihre Sprache vor allem aus
Grunzen und Schmatzen bestand: Wo gibt es die meisten Beeren,
die saftigsten Früchte, frisches Wasser; wo sind wir sicher vor
wilden Tieren, vor anderen, stärkeren Horden?
Einen, genauer: hunderte von weiteren Sprech-Gründen finden wir, wenn wir uns mit dem Wort „sagen“ beschäftigen. „sagen“ ist ja der Obergriff für alle Verben der Artikulation – und deren Zahl geht, geschätzt, durchaus in die Hunderte. Hier – ein paar davon: „reden, informieren, mitteilen, erläutern, erzählen, meinen, erklären, kommunizieren, vorbringen, entgegnen, widersprechen, gestehen, zugeben, kritisieren, flüstern, rufen, beschwichtigen, hervorheben…“ Mit diesen Worten sagen wir nicht nur etwas, sondern wir drücken auch eine Meinung aus, ein Gefühl, eine Einstellung, eine Beziehung, einen Wunsch. Sprache ist auch und vor allem eine emotionale Verbindung zu anderen, zu unserer Umwelt und damit für uns unverzichtbar. Wenn wir nicht zu und mit anderen sprechen und nicht andere sprechen und ihnen zuhören, können wir auf Dauer nicht überleben. Menschen sind soziale Wesen – auch wenn wir da bei einigen Zeitgenossen manchmal unsere Zweifel haben…
Austausch von Informationen und Gefühlen – die beiden offensichtlichen Sprech-Gründe haben wir damit zwar herausgearbeitet. Für einen Ansatz, Kommunikation zu ändern, zu verbessern, sind sie aber ungeeignet. Also müssen wir nach weiteren Sprech-Gründen suchen, und zwar die, die deine Kommunikation überwiegend beeinflussen. Das klingt kompliziert und aufwändig – ist es aber nicht. Denn die Antwort liefert uns eine Vierjährige…

"Warum weinst du denn?"
„Warum weinst du denn?“
Wir können ja mal raten. Vielleicht „Meine Mama verreist gleich.“ Oder: „Meine Puppe ist kaputtgegangen.“ Oder vielleicht einfach auch nur: „Ich hab´ solchen Hunger.“ Oder: „Niemand hat mich lieb.“
Das ist ja in jedem Fall zum Heulen. Danach aber würde die Kleine ihre Heulerei beenden – und Ideen nennen, wie ihre Probleme gelöst werden könnten. Also zum Beispiel: „Mama, bleib doch lieber hier.“ Oder: „Kannst du meine Puppe wieder ganz machen?“. Oder „Machst du mir ein Nutella-Brot?“ Oder einfach nur: „Kannst du mich mal drücken?“
- „Meine Mama verreist gleich.“
„Meine Puppe ist kaputtgegangen.“
„Ich hab´ solchen Hunger.“
„Niemand hat mich lieb.“
„Mama, bleib doch lieber hier.“
„Kannst du meine Puppe wieder ganz machen?“
„Machst du mir ein Nutella-Brot?“
„Kannst du mich mal drücken?“
Schauen wir uns diese Antworten genauer an; die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede.
Mit den oberen Antworten nennt das Mädchen Gründe, die dazu führen, dass sie alles nur zum Heulen findet: die Mama verreist, ihre Puppe ist kaputt, sie hat Hunger, sie fühlt sich einsam. Ereignisse. Ihre Antworten sind eine Reaktion auf diese Unglücks-Ereignisse. Die Tränen und die Antworten des Mädchens sind eine „Ursache + Reaktion-Ablauf". Ich nenne das kausale Kommunikation.
Die unteren Antworten sind kein Blick zurück auf die Gründe, die zum Unglück geführt haben – sondern ein Blick in die Zukunft. Es sind auch keine Antworten, sondern das Mädchen macht Vorschläge, wie sie wieder glücklich wird: Ihre Mama bleibt hier, wir reparieren ihre Puppe, machen ihr ein leckere Scheibe Brot, oder nehmen sie einfach mal in den Arm. Sie hat ein Ziel: Sie will wieder glücklich werden – und Ihre Sätze im unteren Feld sind der Weg dorthin. Ich nenne das finale Kommunikation.
Das klingt jetzt vielleicht von sehr weit hergeholt, zumal eine Vierjährige als Beweis für diese Erkenntnis dient. Ist das im echten Leben wirklich so?
Okay - Zweifel zur Kenntnis genommen.
Hören wir in einen typischen Beziehungs-Streit: Anna und Paul;
die beiden stehen in ihrer Küche, der Mülleimer ist voll. Und
jetzt geht wieder mal die Diskussion darüber los: Wer bringt
wann den Müll runter…
Ja, der blöde Müll hat die beiden richtig auf Trab gebracht. Typisch für kausale Kommunikation: Beide regieren sofort und ausschließlic auf die Antworten, dann auch die Vorwürfe des Gegenüber. Das Ergebnis: Der Ärger wird bei beiden immer größer - und am Ende geht es nur noch um Vorwürfe, Beziehung und "Ich hab aber doch recht. Und der volle Mülleimer steht wahrscheinlich voll und unangetaste immer noch in der Küche
Kausale Kommunikation ist spontan und oft emotional. Finale Kommunikation ist geplant, gekonnt und eher rational. Privat kommunizieren wir eher kausal, im Job eher final. Und – was für eine Erkenntnis…😉 Finale Kommunikation ist erfolgreicher – selbst da und dann, wenn du mit kausaler Kommunikation nicht weiterkommtommunikation erfolgreicher ist.

Im Streit wird kausale Kommunikation besonders deutlich: Die Kontrahenten reagieren ausschließlich auf die Äußerung des Gegenübers – und das hoch emotional. Mal richtig „Dampf ablassen“ kann sich zwar gut anfühlen, aber zielführend ist das natürlich nicht.

Anders der Verkäufer: Jedes Wort, jeder Satz, jede Aktion dient nur einem Ziel: Die Kundin soll kaufen. Eine nette Kundin macht den Job zwar angenehmer, aber er würde auch einen unsympathischen Stinkstiefel bedienen, wenn der Interesse am Produkt hat – und Geld in der Tasche…
