Vorlesung 3

Vorlesung 3: Reden

Ich fange mal mit einer guten Nachricht an:

Egal ob Angestellte, Chefs, Wissenschaftler oder Handwerker; egal ob Mann, Frau, alt oder jung: Am Pult zu stehen und eine Rede zu halten, sorgt bei den meisten Menschen für schnellen Puls, weiche Knie und einen Frosch im Hals. Du stehst damit also nicht allein(am Redepult).

Und gleich noch eine (viel bessere) Nachricht:

Alles was du brauchst, um bei einer Rede „gut rüberzukommen“, kannst du schon. Das Einzige, was du lernen musst: Bleibe auch bei einer Rede, unter Stress so, wie immer. Normal.

Das sind die Standard-Fehler, die du, (und die meisten Menschen auch) in einer Rede machst: zu redest zu schnell, du machst beim Sprechen keine oder nur kurze Pausen, du atmest falsch, deine Stimme klingt wackelig, du hast den Eindruck, dass dein Gehirn eingefroren ist. In jeder Sekunde ist zu hören und zu sehen, dass du deine Rede, deinen „Auftritt“ möglichst schnell hinter dich bringen willst. Logisch, dass du bei deinem Publikum nicht den besten Eindruck hinterlässt. Das ist schade. Besonders deswegen, weil du diese Fehler ja nicht aufgrund deines persönlichen Unvermögens machst – im normalen Alltag sprichst du ja ganz anders, viel besser.

Warum klappt das nicht bei einer Rede? Weil du nervös bist. Dein Körper schüttet Adrenalin aus und das blockiert dein Gehirn und deine Denkfähigkeit. Und es ist ein Teufelskreis: Je nervöser du bist/wirst, desto mehr Adrenalin; je mehr Adrenalin, desto weniger Denkfähigkeit.

Um (auch) bei deinen Reden „gut rüberzukommen“ musst du also nichts neu lernen – du musst „nur“ lernen, deine Nervosität in den Griff zu bekommen und damit so deinen Normalzustand erreichen.

Adrenalin versetzt deinen Körper in den Alarmzustand

Aber warum denn nur?
Der erste Grund ist – sind die Regeln die in einer Rede-Situation gelten: Bei einer Rede, bei deiner Rede – darf nur einer reden: Du. Du allein hast das Rede-Recht: Nur du darfst reden – alle wissen das und halten sich daran. Aber wie jedes Recht, erwächst daraus auch eine Pflicht: in diesem Fall ist es die Redner-Pflicht. DU MUSST REDEN. Und diese Rede-Pflicht macht dich nervös. Rede-Pflicht bedeutet ja: Solltest du deinen Text vergessen oder unsicher werden, wird, kann und darf dir niemand helfen. Denn dein Rede-Recht bedeutet für alle anderen – Schweige-Pflicht. Und diese worst case Situation, vor dem Publikum zu stehen und nicht mehr zu wissen, was du sagen willst, lässt dich schon lange vor deiner Rede und vor allem während deiner Rede nervös werden. Das Schlimme daran: Je nervöser du wirst, desto weniger scheinen dein Verstand und Gehirn zu funktionieren. Die Gefahr steigt, dass duch dich verhaspelst und in deinem Rede-Manuskript nicht die richtige Stelle zum Wiedereinstieg findest. Das Publikum leidet zwar mit dir – aber niemand wird und kann dich „retten“. (Wahrscheinlich lässt jetzt schon allein die Vorstellung dieser Situation deinen Puls schneller werden...)

 

Klar - du möchtest natürlich gern hier und jetzt schon wissen, mit welchem "Zaubertrick" du deine Nervosität erfolgreich bekämpfen kannst und damit die Voraussetzung für tolle Reden schaffst. Schon an dieser Stelle: Nein, einen Zaubertrick gibt es nicht. Aber es gibt Übungen, die du machen kannst und machen musst. Mit mir. Demnächst - in den Vorlesungen 8, 9 und 10.

 

Hier nenne ich erst noch ein paar Infos zum Thema "Reden":

Rede, Vortrag, Präsentation

„Hallo Leute, klasse, dass ihr alle gekommen seid, um mit uns zu feiern!“
„Liebe Kolleginnen und Kollegen, eine traurige Nachricht hat uns eben erreicht…“
„Liebes Brautpaar, liebe Gäste, ich hätte nie gedacht, dass ich heute, an diesem Tag…“
„Sehr geehrte Damen und Herren, ich begrüße Sie zu unserem Coaching Day.“
„Guten Tag miteinander, herzlich willkommen in der Beispiel AG zum Tag der Offenen Tür.“
„Mein Name ist Bibi Beispiel – und jetzt muss ich in dieser Runde auch mal was sagen…“

Typische Sätze für den Einstieg in eine Rede: Jemand steht vor vielen Menschen und redet, spontan oder geplant, über einen längeren Zeitraum; von einer Minute bis zu mehreren Stunden. Die Themen sind schier unendlich; die Anlässe lassen sich schnell einordnen:

Der Toast (deutsch: Trinkspruch)
Der Wortbeitrag – in der Konferenz, bei der Podiumsdiskussion, in der Talkshow
Die Begrüßung deiner Gäste anlässlich Geburtstag, Hochzeit, Geburt…
Die Rede zu einem Anlass: Jubiläum, Preisverleihung, Auftrag an Land gezogen…
Der Vortrag – im Unternehmen, auf der Fachtagung
Die Powerpoint-Präsentation

Eine klare Definition und Abgrenzung für der Begriffe gibt es nicht. Es gilt:

Bei einer Rede willst du das Publikum für dein Thema interessieren, mitreißen, emotional bewegen, und manchmal soll das Publikum dadurch nach der Rede etwas Bestimmtes machen und/oder denken. In einem Vortrag willst du deinem Publikum vor allem Wissen vermitteln, bringst Fakten, Ergebnisse, Erkenntnisse; ob zwischen dir und deinem Publikum eine Beziehung entsteht, ist eher unwichtig. Rede und Vortrag werden zur Präsentation, wenn du nicht nur redest, sondern deine Inhalte visuell unterstützt: Zum Beispiel durch reale Modelle, Grafiken, Fotos, Skizzen oder Bilder. Wenn nicht explizit geschrieben, meint „Rede“ in diesem Buch immer auch Vortrag und Präsentation.

Soweit die Theorie – die in der Praxis dann doch ein bisschen anders aussieht: Ist es schon eine Präsentation, wenn ich dem Publikum ein Foto von meinem Versuchslabor zeige? Wird die Rede zum Vortrag, wenn ich Zahlen einer Statistik nenne? Die einfache Antwort: Es ist völlig egal, ob eine Rede eine Rede ist, ein Vortrag oder eine Präsentation. Für deine Planung und Vorbereitung ist wichtig zu wissen, dass du dich entscheiden musst, ob du eher eine Informations-Rede halten willst oder eine eher unterhaltende Rede. Das wird natürlich auch bestimmt durch den Rede-Rahmen; bei einer Geburtstagsrede willst du niemandem mit deinem Fachwissen langweilen; auf dem Wissenschafts-Kongress musst du schon mehr bringen als nur aus deinem Leben zu plaudern.

Informations-Reden

bieten dem Publikum neues Wissen, neue Erkenntnisse, Und da sind die Möglichkeiten natürlich schier endlos: Die Rede muss deinen Zuhörern das Leben, den Job oder auch eine Entscheidung leichter machen; sie müssen durch die Rede mehr Erfolg oder Spaß im Job haben, Geld sparen, gesund bleiben, besser miteinander reden können. Oder was auch immer.

Als Modell betrachtet, erwirbt das Publikum während deiner Rede dieses neue Wissen und kann es nach deiner Rede anwenden und hat dadurch einen Vorteil, den es vor deiner Rede nicht hatte/nutzen konnte. Ein Vorgang, wie du ihn aus der Schule kennst: Lernen, was durchaus anstrengend sein kann, und später das Gelernte anwenden. Beispiele für Info-Reden sind die Vorträge bei einer Fachtagung, auf der Experten ihre aktuellen Untersuchungen und Erkenntnisse vorstellen, die dann natürlich Einfluss haben auf die weiteren Forschungen aller zu diesem Thema.

Bei der Informations-Rede ist der nutzwertige Inhalt am wichtigsten; eher unwichtig sind die Beziehung zwischen Redner und Publikum und die Form der Rede. Wenn das Publikum merkt, dass der Redner spektakuläre Inhalte bietet – nimmt es eine komplizierte und langweilige Sprache und Präsentation in Kauf.

Unterhaltungs-Reden

sind – Unterhaltung. Der Nutzen einer Rede liegt darin, dass das Publikum diese Reden genießt, sich amüsiert, lacht. Oder auch besorgt ist, ängstlich, weint. Also das, was auch einen guten Hollywood-Film ausmacht. Eine Rede auf einer Feier soll ja nicht alle Lebensdaten des Geburtstagskindes, des Hochzeitspaares oder des Jubilars auflisten, sondern die wichtigsten Ereignisse nennen und erzählen; meistens humorvoll, aber manchmal eben auch durchaus dramatisch, theatralisch, traurig.

Bei der Unterhaltungs-Rede sind Unterhaltungswert und Beziehung am wichtigsten, die Inhalte sind eher unwichtig. Wenn die Rede ein Brüller war, ist es egal, ob sich das Publikum am nächsten Tag auch noch an die Lebens-Daten und -Fakten erinnert.

Die meisten Reden sind

ein Mix aus Information und Unterhaltung; jeweils zu unterschiedlichen Anteilen. Auch das Experten-Publikum freut sich, wenn der Kollege am Rednerpult seine spektakulären Inhalte verständlich formuliert; wenn er begeistert, interessant und damit mitreißend spricht. Und das i-Tüpfelchen in einer Unterhaltungs-Rede ist ein bemerkenswertes Ereignis aus dem Leben des Jubilars oder des Brautpaares.

Deine Rechte und Pflichten als Redner gegenüber dem Publikum

- (Auch) eine Rede muss ein definiertes Ziel haben. Und das musst du vor deiner Rede finden und festlegen. Eine Beispiel-Liste, welche Ziele das sein können, steht weiter unten.

- Als Redner hast du ein Rede-Monopol: Rede-Recht und Rede-Pflicht (siehe auch oben)

Als Redner hast du die freie Themenwahl. Klar, es gibt eine generell Themen-Vorgabe bzw. Absprache. Aber es bleibt dir überlassen, was genau du du sagst, welche inhaltlichen Aspekte auswählst. Aber auch hier gehen Recht und Pflicht einher:
- Eine Rede muss dem Publikum einen Nutzen bieten
- Für welches Thema du dich auch entscheidest, was immer du sagst: Es muss für das Publikum einen Nutzen haben, wir müssen am Ende deiner Rede den Eindruck, dass sich unsere investierte Hör-Zeit in deine Rede gelohnt hat.

Eine Rede muss effizient sein

Familie, Freunde, Kollegen: Privat und persönlich redest du drauf los. Da ist viel Geschwafel und Geschwätz dabei. Macht aber nichts. Denn wenn du so spontan, aus dem Bauch heraus (kausal) redest, kommt es nicht so drauf an; ihr kennt euch untereinander und keiner erwartet, dass du druckreif sprichst. Wen deine Sätze nicht interessieren, der hört weg, stellt seine Ohren auf Durchzug.

Bei deiner Rede ist das anders, hier kannst du nicht einfach drauflosreden und irgendwas daher schwafeln; hier erwartet dein Publikum Effizienz: Alles, was du sagst, muss sofort verständlich sein, muss einen erkennbaren Bezug haben zum Leben deiner Zuhörer, muss fürs Publikum nützlich sein. Jedes Wort, jede Sekunde zählt. Wenn in einem deiner Sätze nichts ist, womit deine Zuhörer etwas anfangen können – geht der Publikums-Daumen gedanklich schon mal nach unten.

Eine Rede musst du vorbereiten

Und der Aufwand dafür geht von „ziemlich wenig“ bis „ganz schön viel“; von der Begrüßungsrede bei deinem Geburtstag bis zur 60-Minuten Power-Rede im Job.

Als Redner bist du Gastgeber

Nutzen, Effizienz und die damit verbundene Vorbereitung sind schon eine ganze Menge. Und damit enden ja deine Redner-Pflichten nicht – verantwortlich bist du für alles drum herum. Du hast uns zu deiner Rede eingeladen; entweder im wörtlichen, in jedem Fall aber im übertragenen Sinne. Nun hast du, wie ein Gastgeber, uns gegenüber, eine allgemeine Fürsorgepflicht. Kümmere dich um uns, sorge dafür, dass wir eine angenehme Hör-Zeit haben. Deine Gastgeber-Verantwortung beginnt damit, dass du deinen nützlichen Inhalt auch für uns angenehm präsentierst; sie geht über die bei der Powerpoint-Präsentation durchgebrannte Beamer-Birne und mögliche störende Zwischenrufe bis hin zum Baulärm aus dem Nebenraum. Wir schenken dir unsere Anwesenheit und unsere Hör-Zeit – alles andere ist deine Aufgabe.

Zusammenfassung Vorlesung 3, "Reden":

Eine Rede soll Spaß machen! Dir und dem Publikum. Okay, vielleicht ist "Spaß" nicht immer die Vorgabe. Aber es soll für das Publikum angenehm sein, im Sall zu sitzen und dich zu sehen und deine Rede zu hören. Und allein DU bist verantwortlich dafür, dass das bei deiner Rede auch der Fall ist. Es spielt dabei keine Rolle, ob dir alle oben genannten Aufgaben und Pflichten leicht und locker übernehmen kannst oder die hart erarbeiten musstest. Niemand interessiert sich dafür, wie lange, wie hart du an deiner Rede gearbeitet hast. Für alle zählt nur: "Das war ja eine sehr schöne Rede."